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Deutschlandaufenthalt August/September

Eindrücke
Das üppige Grün hier, und auch der Wohlstand strengen meine Augen an. Wie karg doch die Westbank ist! Und alles ist geordnet und geregelt; auf dem Arbeitsamt, wo ich mich arbeitslos melde, verbringe ich Zeit mit Formularen...aber letztlich erhalte ich Arbeitslosengeld und soll mich beim Arbeitsamt abmelden, falls ich nach Israel zurückgehe....

Das Haus, das noch nicht fertig war als ich wegging, ist innen wunderschön geworden und der offene Flur vor meiner (jetzt vermieteten) Wohnung macht sich gut...

Ich habe das Gefühl, daß vielen Deutschen gar nicht bewußt ist, wie reich sie sind, und, statt sich an dem zu freuen, was sie haben, unter dem leiden, was sie sich nicht -oder nicht mehr -leisten können. Und daß sie den notwendigen Wandel in unserem Land, der sicher schmerzhaft ist, den aber vor uns schon Schweden, Dänemark, Großbritannien, Holland usw. mit Erfolg bewältigt haben, nicht wahrhaben wollen, daß er viele demotiviert und interessenlos macht. Ich hoffe sehr, daß mich dieser Eindruck täuscht.

Lernen:
Ich nehme an zwei Wochenseminaren des OeD teil:

  • "Die Spiritualität Abrahams" mit Christof und Ljubljana Ziemer, die in Sarajevo den Verein "Abraham" mitgründeten und sich um Gespräche und Verständigung zwischen Juden, Moslems und katholischen und serbisch-orthodoxen Christen bemühen.
  • Fachtagung "Gemeinwesenarbeit als präventive Friedensarbeit". Es geht um Zusammenhänge zwischen Friedens- und Gemeinwesenarbeit, Erfahrungen von Friedens- und Entwicklungsdiensten und das Kennenlernen der "Methode Hauser" und John Paul Lederachs "Konzeptionellen Rahmen für Friedensbildung".

Neuorientierung:
Ich werde am 20. September nach Israel/Palästina zurückgehen und dort bis Anfang März bleiben. Ich werde meinen Dienst als ein "Praktikum in der Ausbildung zur Shalom-Diakonin" des OeD fortsetzen. Ich möchte als Freiwillige im israelisch-palästinensischen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes, "Palestinien and Israeli for Non-violence", mitarbeiten. Was ich dort zu tun bekomme, werde ich in Israel erfahren. Ein Vorschlag von mir wird sein, zu versuchen, die Menschen, die ich zwischenzeitlich in Halhul und Hebron kennengelernt habe und die ihr Interesse an Friedensarbeit bekundet haben, zusammenzubringen und ihnen Mut zu machen zu eigenen Aktivitäten und Teilnahme an Aktivitäten gemeinsam mit den Israelis. Ich weiß, daß ich dabei auch vom "Christian Peacemaker Team" unterstützt würde, einer kleinen Gruppe amerikanischer Freiwilliger, die in Hebron versuchen, durch ihr DA sein oder DAZWISCHENGEHEN in den häufigen Auseinandersetzungen zwischen jüdischen Siedlern und Palästinensern gewaltmindernd zu wirken.
So hoffe ich, einer nützlichen Arbeit nachgehen zu können und zu lernen.

Ich beabsichtige, nach Halhul zu ziehen. Ich brauche eine Wohnung, die Wohnung dort ist billiger als ich sie in Jerusalem und dessen Vororten finden könnte. Ich weiß, daß die Eltern und Geschwister von Khalil sich freuen, wenn ich zu ihnen ziehe, und daß ich dort gut mit Palästinensern zusammenleben, arabisch lernen und ihren Alltag teilen kann. Ich hoffe, gerade auch auf diese Art zu Verständigung beitragen zu können. Vielleicht kann ich es erreichen, daß mich auch israelische Freunde dort besuchen. Soweit es meine Zeit erlaubt, werde ich wie bisher an Aktivitäten der israelischen und der palästinensischen Friedensbewegung teilnehmen.

Bestärkt hat mich in diesen Entscheidungen ein Erlebnis, das ich am letzten Tag meines Israel-Aufenthaltes hatte und - um es zu verarbeiten - noch am selben Tag niederschrieb:

Es ist Samstag, der 7. August 1999. Ich wollte am 6.8. nach Deutschland zurückfliegen...und habe mich im Tag geirrt. So war ich heute mittag im Reisebüro, werde am Montag fliegen können. jetzt sitze ich in Marylenes Wohnung in Bethanien und muß meine Gedanken sortieren, denn heute war ich Augenzeuge. Ich saß gegen 1/2 2 Uhr im Bus nach Bethanien, der auf dem arabischen Busbahnhof in Ostjerusalem abfahrbereit dastand. Plötzlich sah ich, wie mehrere israelische Polizisten, nicht nur mit den üblichen kugelsicheren Westen, sondern auch mit Helm, Gewehr und Schlagstock ausgerüstet, drei palästinensische Jugendliche jagten. Der Bus begann das schwierige Manöver, trotz all der anderen Busse und Servicetaxis aus dem Abfahrtsteig rückwärts herauszufahren und mußte immer wieder stoppen. Ein großer, breitschultriger Polizist kam herein, blickte zunächst auf einen jungen Mann in einer der vordersten Reihen, kam durch den Gang, schnappte sich den hinter mir sitzenden Jungen - vielleicht 14 Jahre alt -, und verließ mit ihm den Bus. Der Bus manövrierte weiter. Ich sah, wie der Polizist den Jungen mit dem Stock auf den Rücken schlug. Ich sah, wie mehrere Polizisten die drei anderen Jugendlichen schlugen, mit erhobenen Händen an einen Bus stellten; der Inhalt des Beutels des einen der Jungen kippte auf die Straße... kleine Mädchenkleider. Ich sah die Angst in den Augen der Jungen. Ich erinnerte mich an die Bilder und Augenzeugenberichte der ersten Oktobertage 1989 in Ostdeutschland. Der Bus fuhr weiter. Der 14-jährige, den ich einen Moment aus den Augen verloren hatte, kam gerannt, der Bus hielt kurz, der Junge stieg ein. Er weinte nicht, sein Gesicht sah nicht wütend aus. Er hielt sich den Rücken, sagte kein Wort. Auf der Straße vor der Stadtmauer zwischen Damaskus- und Herodestor war ein riesiger Tumult: rennende junge Palästinenser, viele Polizisten, viele Polizeiautos. Was war passiert?

Der Junge stieg in Bethanien eher aus als ich. Marylene lies sich von meinem Bericht nicht stören, bastelte weiter an ihren Spielen für freunde. War das, was ich gesehen hatte, alltäglich für sie - eine Frau, die seit 30 Jahren hier lebt - oder war es Hilflosigkeit?

In den 17-Uhr-Nachrichten hörten wir, daß jemand am Tempelberg auf einen Mann mit einem Messer eingestochen hatte. Der Tempelberg ist einer der am besten bewachten Plätze der Jerusalemer Altstadt. Wenn es den Polizisten dort trotzdem nicht gelang, den Attentäter zu stellen - ist dann, deswegen, eine solche Hetzjagd auf alle jungen Palästinenser in der näheren Umgebung der Altstadt gerechtfertigt? Was hatte der 14-jährige damit zu tun? Wofür wurde er geschlagen? Wußten die anderen jungen Männer, warum sie gejagt wurden? Wissen die Polizisten, daß sie mit solchen Methoden Haß, Wut, Angst - und vielleicht irgendwann Terror - in den Köpfen der palästinensischen Jugendlichen erzeugen?

Was kann, muß ich in einer solchen Situation tun? Oder auch umgekehrt, wenn ich erlebe, daß Palästinenser die Geduld verlieren und wieder gewalttätig werden?


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