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Zwischenbilanz

Anfang Juli 99 hatten Herbert Fröhlich vom Vorstand des OeD und ich Zeit, über die Situation in Beit Noah und auch über meine Zukunft zu sprechen. Ein kleiner Trost, daß Herbert mir sagte, daß es nahezu unmöglich war, diese Situation zu meistern und daß mein Dasein trotzdem gut war, weil dadurch die unabhängig von mir bestehende Orientierungslosigkeit deutlich bewußt geworden ist. Beit Noah wurde zwischenzeitlich geschlossen, und die jungen Männer starteten einen eigenen Anfang in einem neuen Haus mit neuem Namen, mit der Bereitschaft, dieses soweit möglich selbst zu finanzieren. Sie haben begonnen, auch inhaltlich eigene Ziele festzuschreiben und in diesem Sinne aktiv zu werden. Ich wünsche ihnen dafür alles Gute.

Für mich selbst waren die letzten Monate eine Zeit intensivsten Lernens. Durch das Zusammenleben mit den jungen Palästinensern, alle Moslems, und Diskussionen mit deren Freunden, meist Studenten der hiesigen Alquds-Universität, konnte ich sehr viel lernen von einer mir bisher unbekannten Lebenswelt - in einer Intensität, wie sie sicher selten jemandem geschenkt wird. Das betrifft das alltägliche Miteinander, die Eßgewohnheiten, die Kultur (Musik, Tanz, arabische Poeme) genauso wie Regeln des Anstandes oder das Glaubensverständnis. Ich lernte auch Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit, Resignation und die Sehnsucht, auszureis( oder ß?)en kennen.
Ich habe ungehemmt fließend englisch zu sprechen gelernt und erste Begriffe der arabischen Sprache (Teilnahme an Anfängerkurs des Britisch Councel, Jerusalem). Durch Teilnahme an kirchlichen Diskussionsrunden, die dem Verständnis für die hiesige Situation dienen, und Aktivitäten hiesiger Friedensorganisationen habe ich israelische, palästinensische und internationale Friedensaktivisten und -gruppen kennengelernt.

Ich habe Alltag erlebt und Gastfreundschaft, in der Westbank und in Israel, kann arabischen Kaffe zubereiten, gefüllte Weinblätter und Maklube.
Jerusalem, die Altstadt, hat mich immer wieder fasziniert, die engen Gassen, die Händler, die vielen Menschen aus aller Welt mit ihren verschiedenartigen Nationaltrachten oder Ordenskleidern. Und die Vielfalt der Christen und christlichen Glaubensformen und der Gottesdienste in verschiedenen Sprachen als Reichtum, der, wenn wir einander in unserer Vielfalt annehmen, zum Segen wird.
Es hat mich verlegen gemacht, daß bei den täglichen Grenzkontrollen an der Stadtgrenze von Jerusalem ich, eine Ausländerin, nie nach meinen Dokumenten gefragt wurde, aber die hier beheimateten Palästinenser diese Grenze nur mit Ausnahmegenehmigung passieren durften. Marylenes Mut, sich neben die jungen Palästinenser zu stellen, die keinen Passierschein hatten und deshalb festgehalten wurden, hatte ich bisher nicht.

Mir war klar, daß das Interesse der Juden an einem eigenen Staat gerechtfertigt und verständlich ist, erst recht nach dem Holocaust. Ich habe aber auch begreifen müssen, daß diese Staatsbildung dazu führte, daß die Palästinenser, die auf diesem Gebiet lebten und leben, in ihrem eigenen Land Menschen minderer Wertigkeit wurden und sie in ihre Situation der Schwäche von der westlichen Welt, der Sowjetunion und auch von arabischen Staaten als "Spielball" benutzt worden waren. Auch für Westbank und Gaza gilt heute: es verhandeln die israelische Besatzungsmacht und die gewählten Vertreter des unter der Besetzung lebenden Volkes miteinander, es ist also keine Gleichwertigkeit der Verhandlungspartner gegeben. Das ist für mich ein Grund dafür, daß der Friedensprozeß auch den Druck durch die Weltöffentlichkeit braucht.

Ich habe gelernt, daß ich die Wahrheit sehen und sagen muß, auch dann, wenn mir deswegen möglicherweise Antisemitismus vorgeworfen wird.
Es ist notwendig, etwas zu tun, das das Selbstbewußtsein und die Würde der einfachen palästinensischen Menschen stärkt und die Israelis und Palästinenser unterstützt, die sich für Frieden in Gerechtigkeit einsetzen. Das kann ich durch DA sein, das dortige Leben teilen, zuhören, die Menschen und ihre Schicksale beachten und ERNST NEHMEN, von meinen eigenen Erfahrungen und Erlebnissen berichten. Auch bei der Teilnahme an Friedensaktivitäten wurde mir immer wieder gesagt und gezeigt, daß Israelis und Palästinenser sich darüber freuen, daß ihre Situation einer Ausländerin nicht gleichgültig ist, und erlebt, daß dadurch "Öffentlichkeit" zugegen ist und Polizei oder Militär sachlicher reagieren müssen.

Es war mir schwer gefallen, zu lernen, daß auch "weggehen" manchmal richtig ist und annehmen, daß man selbst nicht angenommen wird, aber auch die Erfahrung gemacht, daß "Weggehen aus einem Haus" nicht weggehen aus einem Land heißen muß.
Khalil, mit dessen Familie ich mich mehr und mehr befreundet hatte, lag Beit Noah und der Geist dieses Hauses sehr am Herzen, er besuchte uns oft, erlebte die Spannungen im Mai mit, versuchte zu vermitteln und mir Mut zu machen, war ganz erschrocken über meinen Auszug und bat mich, eine Wohnung in Halhul im Hause seiner Eltern zu mieten und dort mit ihm ein neues "Haus für Frieden und Gewaltlosigkeit" - wie das ehemalige Beit Noah - entstehen zu lassen. Sein Argument war, daß es dort besonders notwendig ist, daß Menschen einander treffen, voneinander hören, einander achten lernen, sich für Frieden und Gewaltlosigkeit engagieren wegen der Probleme zwischen Palästinensern und jüdischen Siedlern Hebron und der umliegenden Region.
Und auch meine anderen israelischen, palästinensischen und internationalen Freunde machten mir Mut, dazubleiben und nach meinem anstehenden Deutschlandaufenthalt zurückzukommen und wie geplant ein Jahr hier zu bleiben. Ich habe hier - für mich selbst unerwartet - ganz neu gelernt, die Bibel zu lesen und die Botschaft Jesu zu buchstabieren. Ich habe auch gelernt, in Juden und Moslems Geschwister zu sehen, die an denselben Gott glauben wie ich und von Gott die gleichen Gebote erhielten.
Und gleichzeitig die Unterschiede, angefangen bei den wöchentlichen Ruhetagen und den damit auch unterschiedlichen Schließzeiten der Geschäfte und Behörden...je nach Wohngebiet und Glauben zwischen Donnerstagnachmittag und Sonntag abend.

Und es hält mich fest, dieses Land. Würde ich jetzt in Deutschland bleiben, würde ich mir selbst untreu und das Vertrauen anderer Menschen in mich brechen.


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Spenden:
Ökumenischer Dienst im Konziliaren Prozeß e.V. (OeD)
Kt-Nr. 10 090 3736, BLZ 523 600 59 bei Waldecker Bank e.G.
Verwendungszweck: Beit Noah (bitte Absender für Spendenqittung fürs Finanzamt deutlich schreiben)


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