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Juni / Juli

Ich hatte mich bei einer Deutschen, Elisabeth, eingenistet, die im Ausland unterwegs war und mir vorher ihren Wohnungsschlüssel gegeben hatte, und begonnen, mich ganz in mich zu verkriechen. Aber ich war nicht allein gelassen, ich erfuhr sehr viel Liebe durch die palästinensische Wohnungsvermieterin, durch die Eltern und Geschwister von Khalil in Halhul, weitere Freunde und die englisch-amerikanischen "Bruderhof"-Leute, die im Begegnungszentrum Tamtur bei Bethlehem lebten, und auch Menschen, die ich durch die evangelische deutsche Erlöserkirchgemeinde kennengelernt hatte. Trotzdem weckte erst die Rückkehr von Elisabeth und ihre Energie meine Lebensgeister wieder, einfache Ding, wie der gründliche Putz der Wohnung unter ihrer Regie. Und Marylene brauchte mich jetzt. Ich sollte ihr helfen, ein Buch zu schreiben.... Deshalb zog ich Anfang Juli zu ihr.

Durch die intensive Zusammenarbeit mit Marylene und dadurch, daß ich die von ihr niedergeschriebenen "Augenblicke", Gedanken und Erlebnisse in den Computer tippte, erhielt ich auf sehr eindrückliche Art Geschichtsunterricht. Marylene war kurz vor dem 6-Tage-Krieg 1967 nach Bethanien gekommen, das wie die Westbank und Ostjerusalem zu diesem Zeitpunkt zu Jordanien gehörte, hat schon damals die Vorurteile und Ängste von Juden und Arabern gegeneinander erlebt, aber dann auch sehr hautnah die Besatzungs- und Siedlungpolitik der Israelis in der Westbank. Als zu Beginn der Intifada ein 14-jähriger Junge, der zeitweise im Kinderheim gelebt hatte, verschwand, machte sie sich mit seinem erwachsenen Bruder auf die Suche und erfuhr dabei von den willkürlichen Verhaftungen, der Gewalt und den Folterungen, mit denen israelische Soldaten auf den Volksaufstand der Palästinenser in der Westbank und Gaza reagierten. Der Junge blieb verschwunden, aber Marylene begann, sich in der Friedensbewegung zu engagieren, zusammen mit Israelis und Palästinensern.

Von Marylenes Terrasse aus sieht man in die Wüste, man sieht die große israelische Siedlung "Maale Adumim", die sich am Rande von Abu Dis und Bethanien bis weit in die Wüste Richtung Totes Meer hin ausbreitet. Eine riesige, moderne "Schlafstadt" für Juden, die in Israel arbeiten, die immer noch weiterwächst, und deretwegen die Jahalin-Beduinen, die in diesem Bereich nach der Vertreibung Anfang der 50iger Jahre aus dem Negev siedelten und zum Teil noch siedeln, weichen müssen. Auch diese Geschichte - und den erfolglosen Kampf für die Rechte der Beduinen - lernte ich bei Marylene kennen. Heute leben ca 500 Jahalin-Beduinen auf einem kleinen Platz am Rande von Bethanien in Zelten neben einer Müllhalde auf Grund und Boden, der Palästinensern aus Abu Dis enteignet wurde. Zugesagte Baugenehmigungen für Häuser haben sie nicht bekommen. Von der UNO wurden sie als Flüchtlinge anerkannt und werden durch das Flüchtlingsprogramm der UNO-Organisation UNRWA ebenso wie die in Flüchtlingslagern lebenden Palästinenser betreut. Die jüdische Vereinigung "Rabbiner für Menschenrechte" versucht, die Beduinen durch Kleiderspenden und ein noch auszubauendes Unterrichtsprogramm zu unterstützen. Zur Zeit geben Freiwillige, vor allem aus den USA kommend, den Kindern Englischunterricht.

Durch Marylene und ihre Kollegin Diet, eine Holländerin, die noch im Kinderhaus arbeitet, lernte ich auch viele inzwischen erwachsene Kinderhauskinder und ihre Geschichten, die häufig Ergebnis der Negativseiten der palästinensischen Gesellschaft sind, kennen, und dadurch rundete sich mein Bild, daß die Palästinenser normale Menschen sind, keine Terroristen und keine zu idealisierende "heile Welt", aber sehr verschieden von der europäischen Welt in vielen ihrer Lebensgewohnheiten, in der noch existierenden Tradition des Lebens in der Großfamilie, die Vieles entscheidet, oft auch heute noch Eheschließungen vermittelt oder festlegt, und in der die Kinder die "Lebensversicherung" der Eltern sind.


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